Zahnmedizinisches Zentrum Münster Nord
Dr. med. Frank Ingelmann
Zahnarzt und Arzt
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Störfelder im Gebiss

 

Mit obskuren Tests und Therapien richten alternative Zahnärzte oftmals schwere Schäden an: Im Kampf gegen schlechte Schwingungen oder giftige Plomben verstümmeln sie Zähne und Kieferknochen. Dennoch verzeichnen die vermeintlich sanften Biodoktoren regen Zulauf.

Nichts Gutes brachte das neue Jahr dem Hamburger Zahnarzt, der drei Jahrzehnte lang unbehelligt bohren konnte: Gleich zwei Gerichtsverfahren, ein berufsständisches und ein privates, warteten schon in den ersten Wochen auf ihn. Die Klage der eigenen Kammer trug ihm am vergangenen Donnerstag eine Geldstrafe von 15 000 Euro mitsamt Verweis ein. Die Privatklägerin, eine geschädigte Patientin, gab sich mit einem Vergleich zufrieden.

Dabei hatte er es angeblich nur gut gemeint: Sanft, schonend und alternativ wollte er seine Patientin behandeln. Um die Dame, die ein paar Amalgamfüllungen im Mund hatte, gründlich zu "entgiften", verordnete er ihr das Spurenelement Selen. Das modische Mittel, dem allerlei Schutzfunktionen nachgesagt werden, brachte die Patientin jedoch fast ums Leben.

Zwar hatte sie, zu ihrem Glück, nur die Hälfte der verschriebenen Menge eingenommen. Doch das war immer noch genug, um sie auf die Intensivstation zu bringen - mit einer beinahe tödlichen Selen-Vergiftung.

Von den Schäden durch unkonventionelle Behandlungsmethoden, die Helmut Pfeffer, Vizepräsident der Hamburger Zahnärztekammer, gemeldet werden, sei "dieser frische Fall derzeit der ärgste". "Da kann einem", sagt Mediziner Pfeffer, "angst und bange werden."

Immer häufiger erlebt er, dass Kollegen, die Heilung nach "biologischer", "natürlicher" oder "ganzheitlicher Methode" versprechen, "nicht das bringen, was gewünscht wird" - im Gegenteil: Mit der Therapie beginnen für viele erst die Probleme. Und anders als versprochen, ist die Vorgehensweise der Alternativen oft nicht sanft, sondern eher rabiat: Gleich mehrere Zähne oder gar Teile vom Kieferknochen müssen weichen, weil Naturheilkundler sie als Sitz mysteriöser Störstellen ausgemacht haben. Intakte, aber angeblich gefährliche Füllungen werden herausgebohrt und ersetzt - auch dabei geht Zahnsubstanz verloren.

Dass durch die alternativen Zahnbehandlungen "ärztlich verursachte Gebissdestruktionen" und "Kosten in Milliardenhöhe" entstehen, hat der Sachverständigenrat für die Konzertierte Aktion im Gesundheitswesen in seinem Gutachten "Bedarfsgerechtigkeit und Wirtschaftlichkeit" gerade angeprangert. Zahnheilkundler an den Hochschulen schlagen Alarm, weil sie, wie der Heidelberger Professor Hans-Jörg Staehle, "vom Ausmaß der Zerstörung schockiert" sind.

Auch Deutschlands größte Krankenkasse, die "Barmer", sieht sich zur Warnung veranlasst: "Manch sanfte Diagnosemethode", so heißt es in der Mitglieder-Zeitschrift, "kann schmerzhafte Folgen haben" und ziehe "mitunter folgenschwere ,Gebiss-Sanierungen'" nach sich. Weil der Wirksamkeitsnachweis fehle, könne die Kasse die Kosten für diese Methode nicht übernehmen.

"Die alternativen Zahnärzte sind engagierte Leute", räumt Pfeffer ein, "die gewaltige emotionale Bindungen zu ihren Patienten aufbauen; sie erhalten Vertrauen, das uns nicht vorbehaltlos gewährt wird." Dass die Kollegen aus der Bioecke "mehr psychosoziale Kompetenz" haben, bescheinigt ihnen auch Kritiker Staehle. Der Vertrauensvorschuss werde aber zu häufig missbraucht. So nutzten die Biozahnärzte die Möglichkeit zur "außervertraglichen Liquidation" weidlich. Pfeffer: "Da wird erstaunlich viel Geld ausgegeben."

Der Bedarf an Unkonventionellem, aber auch der zahnärztliche Geschäftssinn spiegeln sich in dem Mitgliederzuwachs der "Internationalen Gesellschaft für Ganzheitliche Zahn-Medizin" (GZM): Der Anstieg auf nunmehr 5000 Mitglieder sei "extrem", berichtet Wolfgang Koch, Sprecher der Vereinigung, stolz. Insgesamt sind in Deutschland 79 000 Zahnärzte zugelassen.

Es gebe "viele schwarze Schafe", besonders unter den älteren Biokollegen, räumt Koch ein. Dennoch sehen sich die Ganzheitsmediziner in ihrem Wirken mitunter sogar von schulmedizinischer Seite unterstützt: Die Zahnärztekammer Westfalen-Lippe hat in den letzten Jahren schon häufiger zu fragwürdigen Fortbildungskursen über "Störfelddiagnostik und -therapie" geladen.

Kein Wunder, dass Alternativzahnärzte unbeirrbar ihre obskuren bioenergetischen Tests verteidigen: Damit weist GZM-Mitglied Johann Lechner ("Projektgruppe Wissenschaftsressort") beispielsweise nach, ob Patienten eine gerade oder ungerade Zahl von Zahnkronen vertragen.

 

"Bei den ganzheitlichen Zahnärzten hängt immer alles mit allem zusammen"

Mit verheerenden Folgen: In manch alternativer Zahnarztpraxis müssen sogar vitale Zähne dran glauben, weil sie vermeintlich Ursache von Rückenproblemen sind. Oder es wird gleich der Kiefer gefräst, um Schulterschmerzen, Migräne oder sogar Unfruchtbarkeit zu heilen: Einer Frau mit unerfülltem Kinderwunsch wurde von der GZM ein Zahnarzt empfohlen, der in zwei oberen Schneidezähnen die Ursache der Kinderlosigkeit ermittelte, weil diese in negativer Beziehung zur Hypophyse stünden. Die wurzelbehandelten Zähne müssten gezogen und der umgebende Kieferknochen zur "Entgiftung" aufgemeißelt werden.

Dennoch rechnet GZM-Sprecher Koch weiterhin mit "immensem Zulauf" auch von Seiten der Patienten: "Alle müssen heute um Patienten kämpfen, aber wir haben lange Wartelisten", sagt der Zahnarzt, der in Herne praktiziert und mit Presse-Infos über angebliche Krebsrisiken durch Zahnversiegelungen Aufsehen erregte: "Ganz viele sind heute bereit, den Behandler zu wechseln."

Mit ihren Angstkampagnen treiben die Biodoktoren ihre Patienten dann oft zu "invasiven Eingriffen", beklagt Staehle. Die dafür erforderlichen "kostspieligen Selbstzahlerleistungen" sanierten jedoch eher den Geldbeutel des alternativen Heilers als das Gebiss ihres Patienten.

Ratlos und verzweifelt wandte sich beispielsweise eine Patientin an die Heidelberger Uniklinik, der ein alternativer Zahnarzt die Entfernung von gleich sechs wurzelbehandelten, klinisch und röntgenologisch völlig unauffälligen Zähnen empfohlen hatte: Nach einer erfolgreich behandelten Krebserkrankung, so warnte ein Ganzheitsdoktor, seien diese Zähne "eine Belastung für das System"; er schlug stattdessen Implantate und neue Brücken vor.

Heile Amalgamplomben, brauchbare wurzelgefüllte Zähne und nun auch Kunststofffüllungen gelten, wider wissenschaftliche Erkenntnis, "als Quelle fast aller Gebrechen, von Blutarmut bis Blasenentzündung", sagt Staehle: "Bei den Ganzheitlichen hängt immer alles mit allem zusammen."

Sind "regelrechte Gebissverstümmelungen durch die unkonventionelle Behandlung", wie sie der Professor gesehen hat, erst einmal geschehen, so gestaltet sich die Nachversorgung schwierig. Aufwendige Restaurationen müssen dann fehlende Pfeiler und ganze Zahnreihen ersetzen.

Den folgenschweren Eingriffen gehen Diagnosen voraus, die von Biozahnärzten mit Hilfe besonderer Testverfahren erstellt werden: Schlechte Schwingungen und toxische Belastungen könnten, so heißt es, beispielsweise durch Elektroakupunktur, durch Bioresonanz-Messungen oder auch "Kinesiologie" aufgespürt werden.

Dabei soll die von dem Arzt Reinhold Voll weiter entwickelte Elektroakupunktur den elektrischen Widerstand der Haut messen. Der Patient hält die negativ geladene Elektrode in der Hand, der Arzt berührt Körperstellen mit der positiv geladenen Elektrode. Zwischengeschaltet kann eine "Wabe" mit Substanzen sein, die für Zahnfüllstoffe verwendet werden.

Fällt der Zeiger auf niedrigere Werte ab, weise das angeblich auf eine "Herdbelastung" hin. Höhere Werte sollen "überschießende Energie" und daher Entzündungen anzeigen.

Das viel geschmähte Amalgam, sagt Staehle, sei jedoch nur in "extremen Ausnahmefällen" tatsächlich eine Belastung für den Organismus: "Klinisch relevant erhöhte Quecksilberwerte" seien bislang nur bei einzelnen Rauchern festgestellt worden, die sich durch exzessives Kaugummikauen (mit amalgamgefüllten Zähnen) entwöhnen wollten. Ordnungsgemäß gelegte Amalgamfüllungen, das hatte im vergangenen Jahr auch eine neue Risikobewertung des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte ergeben, schaden der Gesundheit nicht.

Unverdrossen bietet dennoch das Münchner "Tox Center e. V." spezielle "Therapiepläne" mit Anschriften von Zahnärzten an, die "Metallentfernung mit Dreifachschutz" vornehmen und Herde ausfräsen. Giftpapst Max Daunderer, der in den achtziger Jahren die Amalgam-Debatte anheizte, gründete den Verein.

Die Rückschlüsse aus den alternativmedizinischen Tests seien "absolut lächerlich aus physikalischer Sicht", kommentiert Heiko Visser, Zahnmediziner und Physiker an der Universität Göttingen: Der elektrische Widerstand der Haut ändert sich permanent, je nach Luft- und Hautfeuchtigkeit. Aussagekräftige Werte mittels Elektroakupunktur seien schon deshalb unmöglich.

Wissenschaftlich nicht haltbar sind auch andere Messungen wie die Bioresonanz, die elektromagnetische Schwingungen erfassen und "gesunde" von "krank machenden" Wellen trennen soll. Doch Diskussionen mit den alternativen Kollegen, so Vissers Erfahrung, sind fast immer "unergiebig": Er habe eben "den falschen Ansatz", heißt es, und könne nicht "energetisch denken".

Intakte Zähne als Kandidaten für die Reißzange

Den geschädigten Patienten, die am Ende verzweifelt Rat an der Uniklinik suchen, ist ihre Gläubigkeit im Nachhinein meist peinlich. Visser selbst hat in Göttingen schon "bizarre Fälle" von biophysikalischen Diagnosen erlebt: So wurde einem Zahnpatienten eingeredet, er könnte wegen "Metalldepots", die angeblich in seinem Körper verborgen seien, erblinden. Das Vorhaben des alternativen Behandlers, zur Entgiftung sämtliche Zähne im Oberkiefer zu ziehen, konnte Visser "gerade noch abbiegen".

Derzeit sind nach Vissers Beobachtung besonders symptomfreie, wurzelbehandelte Zähne ins Visier der biologisch Praktizierenden geraten: Sie sind deshalb Kandidaten für die Reißzange, weil sie angeblich Leichengift in sich bergen.

Ihre Backenzähne 35 und 36 konnte Anneliese Homann aus Zwingenberg gerade noch retten, weil sie aus Widerwillen gegen das vom Biodoktor empfohlene Zähneziehen, wie sie sagt, "nach langer Irrfahrt wieder bei der Schulmedizin landete".

Die Odyssee der heute 55-jährigen Rechtspflegerin begann mit einer "Augendiagnose" durch einen Heilpraktiker. Anschließend riet ihr ein Alternativzahnarzt, sämtliche seit Jahrzehnten gut sitzenden Amalgamfüllungen gegen Keramik austauschen zu lassen. Auch Überkronungen seien nötig.

Seit diesem Eingriff litt sie an Schmerzen im Unterkiefer. Schuld daran, dass der Frau überdies alles auf Magen und Darm schlug, sollten nun die beiden Backenzähne sein: Es bestünden ungünstige "energetische Wechselbeziehungen" mit dem Verdauungstrakt, erklärte ihr ein anderer Ganzheitszahnarzt.

Doch Homann entschied sich wieder für die Schulmedizin. Nach einer gründlichen Untersuchung und Behandlung mit professioneller Zahnreinigung und einer neuen Füllung von Zahn 36 (mit Amalgam) sowie regelmäßiger Kontrolle an der Heidelberger Uniklinik ist die Patientin mittlerweile froh, ihre Zähne erhalten zu haben. Gelegentliche "Missempfindungen" sind noch da, aber, so Homann, "damit kann ich gut leben".

Ebenfalls glücklich darüber, dass sie vor der "Herdsanierung" noch eine Zweitmeinung an der Heidelberger Uniklinik einholte, ist die Patientin mit Kinderwunsch: Sie hat nicht nur die veranschlagten 10 000 Mark und ihre Schneidezähne behalten, die "völlig unauffällig waren" (Staehle): Trotz der düsteren Warnungen des Biodoktors ist die Frau nun auch ohne die "Entgiftung" im vierten Monat schwanger.

Widerworte gegen den alternativen Weißkittel selbst wagen indessen nur besonders beherzte Patientinnen - wie etwa eine Hamburger Steuerberaterin und Fotografin. Die 54-Jährige hatte wegen ihrer Parodontitis den Zahnarzt Peter H. in seiner Praxis aufgesucht. Dieser habe sich jedoch nur für ihre Amalgamfüllungen interessiert, die sogleich "kinesiologisch" getestet wurden.

Die Patientin musste den Finger auf eine Plombe legen und wurde aufgefordert, den anderen Arm seitwärts zu strecken. Das Gleiche musste sie mit einem unbehandelten Zahn wiederholen. Weil bei der Plombenprobe der Arm weniger Widerstand geboten habe, so H., sei damit der herabgesetzte Widerstand gegen Erkrankungen erwiesen. Die Diagnose löste bei der kerngesunden Frau "spontan einiges Befremden aus". Der Arzt empfahl, alle zwölf Amalgamfüllungen durch Goldinlays zu ersetzen. Sonst könnten Altersdemenz, Multiple Sklerose oder Autismus drohen.

Die Patientin dachte nicht daran. Ihr schriftlicher Protest gegen die Rechnung, mit Durchschrift an die Hanseatische Zahnärztliche Abrechnungsgesellschaft, zahlte sich aus: Die geforderten 173,70 Mark schmolzen auf den "erhöhten Untersuchungs- und Beratungsaufwand" von 47,20 Mark zusammen.

Den Vorwurf, dass sein Test wissenschaftlich nicht fundiert sei, mochte der Dentist indessen nicht auf sich sitzen lassen. Auf dem "Kongress für Erfahrungsheilkunde" sei außerdem gerade wieder auf die Gefahren von Amalgamfüllungen hingewiesen worden. Im Übrigen sei die Patientin nur "über Möglichkeiten der Behandlung aufgeklärt" worden. Biodoktor H.: "Das ist ein Service, der nicht überall geleistet wird."

 

RENATE NIMTZ-KÖSTER   © DER SPIEGEL 08/2002